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Pressemitteilung zum Thema Elektro-Mobilität bei Daimler in Sindelfingen

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Freunde der internationalen Automobilarbeiterkonferenz Sindelfingen e.V.
Sindelfingen 7.Februar 2017

Pressemitteilung zur Veröffentlichung zum Thema Elektro-Mobilität bei Daimler in Sindelfingen :

Der Sindelfinger Verein der Freunde der Internationalen Automobilarbeiterkonferenz fordert alle Beschäftigten in der Automobil- und Zulieferindustrie dazu auf, sich nicht auf Verschlechterungen von Arbeitsbedingungen im Zuge von grundlegenden Veränderungen in der Automobilproduktion einzulassen.

Gerade in Zeiten weitreichender Veränderungen, wie derzeit die Einführung von Elektro-Mobilität und Digitalisierung beim Autobau versuchen Automobilkonzerne, wie Daimler, erkämpfte Rechte der Beschäftigten abzubauen. So kritisieren wir entschieden die „Betriebsvereinbarung zur Weiterentwicklung des Zukunftsbildes Sindelfingen 2020+", die letzte Woche bei Daimler Sindelfingen mit dem Betriebsrat abgeschlossen wurde. Flexibilisierung der Arbeitszeit (Punkt 4), Flexibilisierung der Beschäftigten (Punkt 5) und Abbau der Fertigungstiefe (Punkte 1+2+3) sind wesentliche Inhalte, die wir gerne etwas plastischer ins Bild der Öffentlichkeit rücken möchten:

1.Kritikpunkt – In der Logistik sollen zig Arbeitsplätze in Lager- und Kommissionierung-Bereichen praktisch sofort an Fremdfirmen vergeben werden. Das sind aber wichtige Tätigkeiten gerade für Kolleginnen und Kollegen, die gesundheitliche Einschränkungen haben.

2.Kritikpunkt – Für die folgende Generation der S-Klasse werden 4 Bereiche der Vormontage fremd vergeben. Auch dies betrifft zig Arbeitsplätze von Kolleginnen und Kollegen mit gesundheitlichen Einschränkungen, meist aufgrund jahrelanger Tätigkeit am Band.

3.Kritikpunkt – Im Rohbau sollen sowohl beim Elektro-Fahrzeug als auch für die folgende Generation der S-Klasse weitere wesentliche Bauteile, wie z.Bsp. Hauptboden, Motorhaube, Kotflügel und anderes fremd vergeben werden. Dies bedeutet, dass ganz zentrale Rohbauteile nicht mehr von Daimler-Beschäftigten selbst hergestellt werden.

4.Kritikpunkt – Arbeitszeitmodelle sollen in Gesprächen 2017 „neu und innovativ entwickelt“ werden. Auf der INFO-Veranstaltung im Werk machte der Standortverantwortliche Michael Bauer klar: Das Elektro-Auto kommt nur nach Sindelfingen, wenn die Betriebsnutzungszeit pro Woche in Sindelfingen auf 100 Stunden erhöht wird. Das bedeutet aber: Autos in der Montage bauen von 6.00 Uhr bis 22.30 Uhr täglich von Montag bis Freitag, plus Samstag Frühschicht (wie heute oft durch Flexi-Regelungen möglich) reicht mit ca. 88 Stunden pro Woche bei weitem nicht – wann will er noch bauen lassen? - das blieb offen.... etliche Kolleginnen und Kollegen mutmaßen, dass die freie Samstag-Spätschicht wohl angegriffen werden soll!! Das lehnen wir kategorisch ab!

5.Kritikpunkt – Bereits 2017 will Daimler ganzjährig temporäre Beschäftigte flexibel auf einer Plattform einstellen: Also Studenten oder Zeitarbeitskräfte das ganze Jahr über. Sie sind noch billiger als die Leiharbeiter. Wir freuen uns über Ferienarbeiter in der Urlaubszeit und bedanken uns bei ihnen dafür, um möglichst vielen in den Sommermonaten ihren verdienten Urlaub zu ermöglichen. Aber den ganzjährigen Einsatz von Ferienarbeiterinnen und Ferienarbeitern lehnen wir ab, dadurch würden feste Arbeitsplätze vernichtet.

Wir diskutierten auf unserem letzten Treffen noch etliche andere Punkte der Betriebsvereinbarung und kamen einstimmig zu der Auffassung: Die Vereinbarung zur Elektromobilität die am Standort Sindelfingen ausgehandelt wurde, stellt absolut keine win-win Situation für uns als Beschäftigte dar, sondern ist ein Angriff auf unsere hart erkämpften Rechte und wird deshalb von uns abgelehnt. So werden wir es auch auf Versammlungen im Betrieb diskutieren.

Technischer Fortschritt muss den Beschäftigten zu Gute kommen. Erfordert die Produktion des Elektro-Antriebstrangs im Vergleich mit Verbrennern nur ein Siebtel des Arbeitsaufwandes, so muss die gewerkschaftliche Forderung nach allgemeiner Arbeitszeitverkürzung, heute die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, auf die Tagesordnung. Die Tarifrunde zur Arbeitszeit 2017 wird zu dieser Diskussion reichlich Gelegenheit geben.

mit freundlichen Grüßen

Klaus-Jürgen Hampejs – Pressesprecher des IAC-Sindelfingen

 

Zusatz und Hintergrundinformation:

Es nicht die erste und nicht die letzte umfassende und umwälzende Veränderung der Produkte und Produktionsbedingungen bei uns beim Daimler und in der gesamten Automobil- und Zulieferindustrie.

Wo wären wir denn heute, wenn nach Teil- und Vollautomatisierungen, Einzug der Roboter und der Digitalisierung noch die 45-Stunden-Woche gäbe? 1984 wurde in der Metallindustrie auch durch uns Beschäftigte am Standort Sindelfingen, die Weichen für die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich gestellt.

Auszüge aus: 25 Jahre 35-Stunden-Woche - Stationen eines langes Kampfes IG Metall

September/Oktober 1977: Der Gewerkschaftstag der IG Metall beschließt, die 35-Stunden-Woche zu fordern.

Ende September 1983 beschließt die Große Tarifkommission der IG Metall in Esslingen die

Forderung nach der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Am 14. Mai 1984 treten 13.000 Metallerinnen und Metaller in Nordwürttemberg/Nordbaden in den Streik.

Am 16. Mai 1984 trat die Belegschaft von Daimler in Sindelfingen eigenständig in den Streik.

Am 21. Mai 1984 sind es 57.000. Am 22. Mai 1984 sind über 100.000 Metallerinnen und Metaller in Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten kalt und heiß ausgesperrt.

Die Wochenarbeitszeit wird danach auf 38,5 Stunden bei vollem Lohnausgleich gesenkt.

1986/87 forderten die Arbeitgeber dagegen totale Flexibilisierung und Samstagsarbeit. In über 760 Betrieben waren 242.995 Beschäftigte in Baden-Württemberg im Frühjahr 1987 im Warnstreik.

So legten auch 12.000 Beschäftigte bei Daimler-Benz in Sindelfingen für vier Stunden die Arbeit nieder.

Ende April 1987 brachten die massiven Warnstreiks die 37 Stunden - Woche bei vollem Lohnausgleich.

Ab 01. April 1993 wurde die 36-Stunden-Woche, ab 01. Oktober 1995 die 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie eingeführt.

Deswegen sind nicht totale Flexibilisierung, Fremdvergaben und Reduzierung der Fertigungstiefe vorwärts gerichtete Antworten auf heutige Entwicklungen, sondern der Weg der Arbeitszeitverkürzung. Die Verteilung der Arbeit unter neuen Bedingungen, auf die Schultern Aller, ob bei Daimler oder den Zulieferern.

Der nächste richtige Schritt, für den wir alle Metaller einigen, ist die:

30 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich

Das ist die Antwort, dafür treten wir ein!