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Gründungsresolution

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23. Oktober 2015

Gründungsresolution

der internationalen Automobilarbeiterkoordination

 

Wir Automobilarbeiter übernehmen Verantwortung für unsere Zukunft!

Voller Stolz, nach 17 Jahren fruchtbarer Zusammenarbeit, können wir heute sagen: „Die Zeit ist reif für die Gründung einer „Internationalen Automobilarbeiterkoordination.“ Wir brauchen diesen weltweiten Zusammenschluss der Arbeiterinnen und Arbeiter der Automobil- und Zulieferindustrie, eng verbunden mit unseren Familien und Unterstützern.

Getrieben vom internationalen Konkurrenzkampf um Weltmarktführerschaft streben die multinationalen Automobilkonzerne nach Maximalprofit auf Kosten der Arbeitenden und der Natur. Sie erpressen und drohen den Arbeiter/innen, vernichten Arbeitsplätze, schließen Werke, kürzen Löhne und Gehälter und steigern die Arbeitshetze. Krisenzeiten nutzen sie zur Verschärfung der Ausbeutung, zur Kürzung oder Streichung gewerkschaftlicher Rechte und laden die Lasten der Krise auf die Beschäftigten ab. In verschiedenen Ländern haben wir viele Kämpfe und Streiks geführt, um dieser Lage entgegen zu treten, das Recht der Arbeiter zu verteidigen, sich zu organisieren, und Arbeitsplätze, Löhne und Gehälter zu verteidigen. Wir wollen unsere Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen, unsere Organisiertheit stärken und Kämpfe international fördern und koordinieren. Wir unterstützen uns gegenseitig durch Solidaritäts- und Protestaktionen, fördern Solidaritätsstreiks und die Verweigerung von Streikbrecherarbeiten, entwickeln Solidaritätskampagnen und international abgestimmte Aktionstage der Solidarität. Dafür bauen wir nationale, regionale und kontinentale Strukturen der Koordinierung auf. Diese sind jedoch keinesfalls Konkurrenz oder gar Ersatz von Gewerkschaften oder Arbeiterparteien, sondern fördern und ergänzen diese.

Seit 1998 festigte sich das starke Band gelebter, internationaler Solidarität von Automobilarbeitern unterschiedlicher Werke, Konzerne und Länder in insgesamt sieben internationalen Automobilarbeiterratschlägen. Sie wurden Höhepunkte des gegenseitigen Vertrauens, der Freundschaft und der Zuversicht, gemeinsam etwas verändern zu können. Dies hat mit der gegenseitigen Information und Bekanntmachung, Solidaritätsaktivitäten, Delegationen, gemeinsamen Aktionstagen zu Kämpfen der Automobilarbeiterbewegung der Welt beigetragen:

  • Bei den Kämpfen gegen die Schließung von Werken wie bei Opel Bochum/ Deutschland, GM Sao José dos Campos/ Brasilien, Ford Genk/ Belgien, Peugeot Aulnay/ Frankreich.

  • Bei den langjährigen Protest- und Solidaritätskampagnen gegen Entlassungen und Kriminalisierung von Streikführern bei Toyota auf den Philippinen, dem Kampf für die Leiharbeiter bei Suzuki-Maruti in Indien, entlassene, verletzte GM-Arbeiter in Kolumbien oder Ssangyong in Korea.

  • Bei den gemeinsame Kämpfen von Belegschaften unterschiedlicher Konzerne wie 2014 in Südafrika, im Januar 2015 in Brasilien oder im Mai 2015 in Bursa/Türkei.

All diesen Kämpfen gingen Entscheidungen voraus, sich nicht erpressen zu lassen, die angebliche „Alternativlosigkeit“ nicht hinzunehmen und in die Offensive zu gehen. Noch wichtiger als der unmittelbare Kampferfolg wurden mehr und mehr das wachsende internationalistische Klassenbewusstsein und die zukunftsweisende Organisiertheit der Belegschaften sowie der gesamten Arbeiterbewegung. Wir sind stolz darauf, dass unsere Bewegung immer mehr Konturen und gesellschaftliche Bedeutung bekommt.

Zugleich ist es heute noch schwer und Neuland, dass wir Automobilarbeiter uns weltweit zusammenzuschließen. Wir stehen in einem Trommelfeuer der Meinungsmanipulation. Konzerne und Regierungen verbreiten die Lüge des sozialverträglichen Arbeitsplatzabbaus, dämpfen die Widersprüche mit Kurzarbeitergeldern oder Sonderprämien, spielen unsere Sorge um die Umwelt und ihre Verteidigung gegen Arbeitsplätze aus und erpressen uns in allen Ländern mit der Konkurrenz durch andere Standorte oder versuchen, uns die Arbeitsplätze mit Abfindungen kampflos “abzukaufen“. Dabei werden sie oftmals unterstützt von Gewerkschaftsführern, die sich dem Konkurrenzkampf der Konzerne und der Profitlogik unterwerfen. Verschiedene Regierungen gewähren den internationalen Auto-Monopolen jede Art von Zugeständnissen und Steuerfreiheit und bauen die Gesetze zum Schutz der Arbeiter und der Umwelt ab, um die Unternehmen zu begünstigen und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern.

Rebellieren wir Arbeiter dagegen – dann ist es vorbei mit dem „Miteinander“. Lohnforderungen werden als maßlos bezeichnet. Wir sind mit arbeiterfeindlichen Attacken oder Massenmobbing konfrontiert, insbesondere Kräfte die sich nicht der Herrschaft des Kapitals beugen. Konzerne und ihre Regierungen verfolgen diejenigen Arbeitervertreter / Innen, die es wagen, ihre Arbeiterrechte fordern und für die Organisierung der Arbeiterklasse zu kämpfen, bis hin zur offenen Unterdrückung der gewerkschaftlichen Organisierung und sogar Morden an Gewerkschaftern wie in Kolumbien. Uns wird suggeriert, als einzelne Belegschaft isoliert und allein zu stehen gegen einen übermächtigen Gegner. Tatsächlich: Wir Automobilarbeiter stehen einem mächtigen Gegner gegenüber. Aber wir sind nicht ohnmächtig! Unsere Kraft entfaltet sich mit der Klarheit und Organisiertheit über Ländergrenzen hinweg.

Die großen Umwälzungen der industriellen Produktion haben nicht dazu geführt, die Probleme der Menschheit zu lösen. Im Gegenteil: sie verschärfen die Krisen! Wir Arbeiter in den Automobil- und Zulieferbetrieben arbeiten international in immer mehr Ländern Hand in Hand – und werden dennoch immer stärker in Konkurrenz getrieben. Wir Arbeiter schaffen wertvolle Produkte – doch die Mehrheit von uns kann sie sich nicht leisten. Viele Familien leben in Armut oder am Rande des Existenzminimums, auch weil die Jugend in Arbeitslosigkeit und Leiharbeit gedrängt wird. Wir sind Fachleute einer hochentwickelten Produktionsweise, erleben aber, wie sie sich unter der Fessel der kapitalistischen Verhältnisse gegen uns kehrt und die Einheit von Mensch und Natur zunehmend zerstört. Das Ziel der Autokonzerne, die jährliche Fahrzeugproduktion auf 100 Mio. zu erhöhen, weiter auf fossile Brennstoffe zu setzen und immer größere Warenströme auf der Straße zu transportieren, treibt in vollem Wissen in den Kollaps des Weltklimas. Es sind dieselben Konzerne, die Arbeitsplätze vernichten und mutwillig die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschheit und eine globale Umweltkatastrophe riskieren.

Immer weniger Menschen können und wollen sich damit abfinden, dass ihnen und besonders der Jugend die Zukunft genommen wird. Während die Unternehmen und das Kapital in allen Ecken der Welt Geschäfte machen, wird den Arbeitern und dem Volk das Recht zu migrieren verweigert, was zu Tragödien geführt hat, vor allem in den armen Ländern. In der ganzen Welt kämpfen Arbeiterinnen und Arbeiter gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen die Ausbeutung von Kindern, gegen die besondere Unterdrückung der Frauen, Diskriminierung und Sexismus, Volksmassen gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf ihren Rücken, gegen Umweltzerstörung und Kriege, gegen Diskriminierung nach Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Identität. Wir Automobilarbeiter sind ein bedeutender Teil von Hunderten Millionen Industriearbeitern. Wir setzen alles daran, dass wir gemeinsam eine überlegene Kraft werden gegenüber dem internationalen Finanzkapital, das heute die Weltwirtschaft und -politik und die staatlichen Unterdrückungsapparate beherrscht.

Wir rufen alle Automobilarbeiter, Frauen und Männer, und mit dem Kampf der Automobilarbeiter Verbundenen auf, mit der Unterzeichnung der Gründungsresolution Mitglied der internationalen Koordinierung zu werden. Wir nehmen uns vor:

  1. Solidarität mit Arbeiterkämpfen in der Automobilindustrie zu leisten. Wir bringen Solidaritätserklärungen in Arbeiterversammlungen ein und organisieren Solidaritätsaktionen mit all denjenigen, die gegen die Ausbeutung der Automobilkonzerne kämpfen.

  2. Kampagnen gegen Unterdrückungen von Arbeiterinnen und Arbeitern zu organisieren, die von Kündigungen, Verfolgungen, Inhaftierungen und anderen Maßnahmen betroffen sind, mit denen versucht wird, die Arbeiter / Innen mundtot zu machen. Mutige Arbeiter müssen wissen, dass sie sich auf internationale Unterstützung verlassen können und die Angriffe der Konzerne international angeprangert werden! Wir verteidigen das Recht zur freien Selbstorganisation der Arbeiter.

  3. Wir konzentrieren in einer Zeitperiode zwischen dem weltweiten Tag der Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz am 28. April und dem Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse am 1. Mai international abgestimmte Aktionen und Kampftage, um unserer internationalen Einheit Kraft und Ausdruck zu verleihen.

  4. In den Konzernzentralen erarbeiten die Konzerne Pläne und Ziele zu Werkschließungen, Produktionsverlagerung in Länder mit niedrigen Produktionskosten und Ausbeutungssteigerung. Dabei spielen sie die Arbeiter/ innen auch innerhalb der Konzerne gegeneinander in einzelne Belegschaften aus. Deshalb ist die Koordinierung innerhalb der jeweiligen multinationalen Unternehmen von entscheidender Bedeutung.

  5. Wir organisieren Aktivitäten für die Reduzierung der Arbeitszeit und für die Abschaffung von Leih- und Zeitarbeit als wichtige Beiträge im Kampf gegen Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Wir suchen die Zusammenarbeit mit anderen kämpferischen Arbeitern, Organisationen und Bewegungen.

  6. Wir fördern die Organisiertheit der Arbeiter mit einer starken Basis in den Betrieben, damit die Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen. Dabei sind wir uns bewusst, dass die Bedingungen in jedem Land und in jedem Betrieb unterschiedlich sind. Wir treten für die Stärkung der Gewerkschaften als Kampforganisationen für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter ein und fördern die gewerkschaftliche Einheit auf kämpferischer Grundlage. Wir bleiben beim Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen nicht stehen. Wir wollen ein reiches, würdevolles und gesundes Leben aller Menschen in Einklang mit der Natur – eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung, weil eine andere Welt möglich ist. Das ist unsere Vision, für die wir länderübergreifend kämpfen und alle Hindernisse mit langem Atem und Entschlossenheit überwinden werden.

  7. Die Internationale Automobilarbeiterkonferenz lehnt TPP, TTIP, TISA und weitere als globale Bedrohung der Automobilarbeiter und der Arbeiterklasse überall entschieden ab und wird die sogenannten „Freihandelsabkommen“ in allen Ländern der Welt bekämpfen.

  8. Wir die teilnehmenden Arbeiterinnen und Arbeiter erklären uns mit den unterdrückten und ausgebeuteten Völkern solidarisch.

Bis zur 2. internationalen Automobilarbeiterkonferenz 2019 wollen wir eine Phase der breiten Bekanntmachung, Aufbau von Strukturen der Koordinierung und Gewinnung von vielen neuen Mitgliedern in den verschiedenen Kontinenten durchführen.

Unsere Prinzipien in der Zusammenarbeit sind:

  • Alle Kräfte stärken diese Bewegung entsprechend ihren Möglichkeiten. Sie entscheiden frei über die Übernahme von Aufgaben, führen diese dann verlässlich durch.

  • Es gelten Überparteilichkeit und weltanschauliche Offenheit, gleichberechtigte Teilnahme.

  • Finanzielle Unabhängigkeit und ein Beitrag aller Teilnehmer zur Finanzierung sind Grundlage unserer Selbständigkeit.

  • Demokratische Streitkultur auf gleicher Augenhöhe, gegenseitiger Respekt und Unterlassung von Angriffen auf andere Mitglieder stärken unseren Zusammenhalt.

  • Faschistische, rassistische, sexistische, fanatisch-religiöse und homophobe Bestrebungen sind ausgeschlossen.

  • Wir wählen eine internationale Koordinierungsgruppe zur Umsetzung der beschlossenen Aufgaben. Sie legt auf der 2. internationalen Automobilarbeiterkonferenz Rechenschaft auf der Delegiertenversammlung ab.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch!

Automobilarbeiter der Welt, nehmen wir die Zukunft in unsere eigenen Hände!

Sindelfingen, Deutschland, den 17.10.2015

Veröffentlicht durch die Internationale Koordinierungsgruppe